Pforzheimer Schauprozess – Aus dem Tagebuch eines politischen Gefangenen in der BRD (VII)

[ Autor von diesem Artikel: Leonard Forneus ] [ Verfasst am 07 Juli 2017 ]

Hier nun die siebte Folge dieser Artikelreihe mit Auszügen des Tagebuchs des politischen Gefangenen Dieter G. (K13-Online). Das vollständige Tagebuch kann auf der K13-Webseite nachgelesen werden. Die entsprechenden Verlinkungen einschließlich der frühreren Beiträge dieser Artikelreihe finden sich hier am Ende des Artikels.

Zur Erinnerung:

Wie in früheren Beiträgen hier zum menschenrechtswidrigen Ausgang des Pforzheimer Schauprozesses gegen Dieter G./K13-online berichtet musste Dieter G. als Justizopfer sechs Monate als politscher Gefangener hinter Gittern verbringen. Wie hier in den unten aufgeführten Verlinkungen ausführlich dargestellt ging es ursprünglich um einen Link auf eine Diskussionsplattform zu den damaligen Plänen einer Einrichtung von Internetsperren im Kontext der als Kinder- und Jugendpornographie diffamierten Darstellungen sexueller Selbstbestimmung, die sich angeblich im Netz befinden.

Diese nicht mehr existierende Internsetseite namens “Schutzalterblog” verlinkte wiederum auf eine von Wikileaks veröffentlichte so genannte “Dänische Sperrliste”. Dies Liste sollte offenlegen, dass hier keineswegs um “Kinderpornographie” ging sondern um eine der Staatsmacht äußerst willkomene Zensurwillkür. Als einzige Person bekam Dieter G. eine Wonhungsschändung (Hausdurchsuchung), die in ein sieben Jahre andauernden rechtswidrigen Strafverfahren mündete. Letztinstanzlich erfolgte eine Verurteilung zu sechs Monaten Freiheitisstrafe ohne Bewährung aufgrund von Zufallsfunden, die sich das Gericht als Kinder– und Jugendpornographie zurechtbog. Die Zeit hinter Gittern insgesamt vom 18.05.2016 bis zum 16.11.2016 hat Dieter G. jetzt in Form eines Tagebuches aufgearbeitet und diese Berichte werden jetzt nach und nach chronologisch auf K13-Online veröffentlicht. Nachfolgend hier nun die Auszüge für den slebten Teil:

 

 

Tagebuch einer Gefangenschaft (Auszüge) : 82.-102. Tag

7. August 2016 – 27. August 2016

 

“(…)Kurz vor der Ausgabe des Mittagessens gehe ich erstmals zum Gefangenen auf die Zelle 4310 mir gegenüber auf der 3. Ebene. Er gibt mir wieder seine Kippen zum Rauchen, denn ich hab nix mehr. Der nächste Einkauf findet am Dienstag statt. Wir unterhalten uns und dabei erzählt er mir, dass er bereits 6 Jahren im Knast ist und noch 6 Jahre im regulären Strafvollzug vor sich hat. Danach soll er laut Urteil in die Sicherungsverwahrung(SV) nach Freiburg verlegt werden. Ich frage absichtlich nicht nach der Deliksart, denn ich kann mir diesen vorstellen. Sexualstraftäter halten sich alle zurück und erzählen anderen Gefangenen davon nichts. Jedenfalls nicht gleich zu Anfang. Er fragt auch mich nicht nach meiner Deliktsart und das sind gute Voraussetzungen, um eine Bekanntschaft aufzubauen. Auch mit diesem Gefangenen werde ich nach meiner Entlassung eine Brieffreundschaft bzw. Betreuung beginnen. Später mehr dazu…Am Nachmittag kommt wieder “Peter K.” auf meine Zelle, und wir Beide gehen wieder zusammen zum Hofgang. Ausnahmsweise werden mir heute am Sonntag sogar zwei Briefe ausgehändigt. Der Eine kommt von meinem Koordinator “Frank Z.” Der Andere kommt von der Staatsanwaltschaft Pforzheim, die die Strafvollstreckungsbehörde ist. Es geht um eine Stellungnahme zu damals im Jahre 2009 sichergestellten DVD mit dem Titel “Puberty”. Im Knast kann ich dazu aber keine Stellungnahme mit einer Begründung abgeben. Ich werde um Verlängerung der Frist bis nach meiner Entlassung bitten. (…)

(…)Alles wird zur Routine. Am Nachmittag schreibe ich auf einem Rapportzettel einen Antrag auf Ausgang zum schon genehmigten Besuchsantrag eines Bürgerrechtlers & Jurastudenten. Der Ausgang wird allerdings nicht klappen. Möglich gewesen wäre dies jedoch. Solche Lockerungen hat die JVA Bruchsal für mich jedoch nicht vorgesehen. Der Besuchstermin wird in der JVA am 7. September 2017 stattfinden. Später mehr dazu…(….) Am Nachmittag gehen “Peter K.” und ich wieder gemeinsam zum Hofgang und unterhalten uns u.a. über sein Vorsorgeamt. Ihm wurde eine “Behinderung” von 20% zugesprochen. Er beklagt sich bei mir über seine unzureichende gesundheitliche Versorgung. Und in der Tat, es geht Ihm nicht besonders gut. Das ist nach über 15 Jahren Knast auch kein Wunder. Mir ist schleierhaft, wie man das aushalten kann. Deshalb hatte ich mich schon dazu entschlossen und Ihm dies auch schon gesagt, dass ich auch mit Ihm eine Brieffreundschaft & Betreuung nach meiner Entlassung beginnen werde. Von meiner früheren Gefangenenhilfe bzw. Verein hatte ich Ihm schon etwas erzählt gehabt. (…) Gleich nach meiner Entlassung wird mir “Peter K.” eine Vorsorgevollmacht per Briefpost schicken. Inzwischen wurde diese Vollmacht bei der Bundesnotarkammer eingetragen und ist damit amtlich: http://www.vorsorgeregister.de Später mehr dazu…(…)Schaue wieder den ganzen Abend bis tief in die Nacht in diesen “tollen” TV an der Wand. Noch nie in meinem ganzen Leben habe ich soviel in die Glotze geschaut wie während meiner Knastzeit. Ich wußte noch gar nicht, dass es so viele Sender gibt, wo nur “Scheiße” läuft. Die Langeweile auf nur 10 qm Lufträume treibt es förmlich hinein. Man muss sehr aufpassen, dass man keinen Knastkoller bekommt. (…)

 

(…)”Peter K.” kommt um 16 Uhr wieder kurz auf meine Zelle. Am Abendhof nehme ich wieder nicht teil, aber am Aufschluss bis 19:30 Uhr. Schreibe wieder mehrere Briefe nach “Draußen”. Gegen meine leichten Kopfschmerzen nehme ich eine Schmerztablette ein. Um 19 Uhr gehe ich zu “Peter K.” auf die 3. Ebene zu Besuch. Wir unterhalten uns über meinen Tabakkonsum. Ich soll ja die Knastzeit dazu nutzen, nicht mehr zu rauchen, wie meine “tollen” Freunde “Draußen” meinen. “Peter K.” erzählt mir auch etwas über einen körperlichen Angriff des Gefangenen auf Zelle 4313 an demn Gefangenen auf der Zelle 4311(Andreas). Die Beamten hätten sofort eingegriffen und Beide wurden zunächst eingeschlossen und haben ein rotes Schild an der Zellentür erhalten. Zur Klärung des Sachverhaltes haben bei der damaligen Anstalts-Juristin Vernehmungen stattgefunden. Der Angreifer/Täter hat daraufhin eine Sanktion mit Dauer-Einschluss erhalten. Eine solche Sanktion hätte ich auch bei den Angriffen gegen meine Person in Kislau gegen die dortigen Täter erwartet. Nichts war dort jedoch geschehen. Erst nach meiner Entlassung habe ich Strafanträge und Dienstaufsichtsbeschwerden eingelegt, die diesen Webseiten in den News-Archiven entnommen werden können. In der JVA Bruchsal gab es eine korrekte Handhabung mit Sanktionen. Diese Gewissheit hat mich doch sehr beruhigt. Auch aus diesem Grund hat es in Bruchsal keine tätlichen Angriffe gegen meine Person gegeben. (…)

 

Die Tage werden immer langweiliger, jeden Tag das Gleiche. Schlafe wieder bis zum Mittag durch. Habe keine Hülsen mehr zum Tabak stopfen und besorge mir Blättchen vom Gefangenen auf der Zelle 4208, (…) Um 16:30 Uhr eröffnet mir der Beamte vom Dienstzimmer, dass mein beantragter Ausgang für den Besuch von zwei Freunden im September nicht genehmigt wurde. Okay, damit hatte ich sowieso schon gerechnet. Wäre ja auch zu schön gewesen. Am Nachmittag gehe ich wieder allein zum Hofgang und spaziere im Kreis herum. Die Gefängnismauern stehen immer noch da, wo Sie gestern auch schon standen. Die anderen Gefangenen wurden auch noch nicht entlassen. Immer die gleichen Gesichter – DAS nervt. Am Abend schreibe ich wieder mehrere Briefe nach “Draußen” und schaue in die Glotze. Es kommt mir vor, als wenn immer das Gleiche läuft. Auf dem Bett liegen und dann wieder einschlafen.

(…)

Da kommt der stellvertretende BDL auf meine Zelle und weckt mich. Er bietet mir erneut eine Arbeit, diesmal als Schänzer in der Schreierei, an. Mein Aufgabe wäre putzen und fegen und Ordnung halten. Ich bespreche mit Ihn das Risiko, welches mich in der Werkstatt der Schreinerei erwarten würde. Die Beamten müssten über meine Gefährdung informiert sein und mich notfalls schützen. In Kislau U5 hatte es gut geklappt. Arbeitsbeginn könnte am kommenden Montag sein. Ich werde nichts mehr von diesem Arbeitsangebot hören. Um 15 Uhr gehe ich wieder zusammen mit Peter K. zum täglichen Hofgang. Wir sprechen wieder über seine aktuelle Situation auf meiner Zelle. ER ist mit Allem überhaupt nicht zufrieden. Nun, ich bin mit meiner Situation auch nicht zu frieden. Also jammern wir Beide mal wieder etwas herum. Der Gefangene auf Zelle 4311 schenkt mir wieder seine gesammelten Kippen zum Selbstdrehen. Der Schänzer von Nebenan schenkt mir eine Dose Süßstoff für meinen Kaffee und Tee. Schreibe wieder Briefe nach Draußen

 

(…) Um 15 Uhr gehe ich allein zum Hofgang und schaue den zwei Schachspielern zu. Ein Gefangener sitzt immer in der gleichen Ecke und wartet auf einen Spielpartner. Er schaut so aus, als wäre er schon sei ganzes Leben im Knast und kennt nix anders als seine Ecke im Hof. Die Ruhe, die er ausstrahlt, gibt mir zu denken. Es hat den Anschein, als hätte er jeden Lebenswillen und den Spaß am Leben verloren. Eine traurige Gestalt. (…) Um 16 Uhr bringt mir Peter K. wieder seinen Wurstsalat auf die Zelle. Wohl gemerkt, es gab heute Abend für jeden Gefangenen einen Wurstsalat und davon soll man nicht hungrig ins Bett gehen. Selbst ein Kind würde nicht statt sein. (…) Nach dem täglichen Einschluss um 16:30 Uhr sitze ich wieder allein auf meiner Zeller herum, schreibe Briefe und Briefe, schaue TV und TV bis 2 Uhr in der Nacht, damit ich auch tagsüber schlafen kann, weil dann die Zeit gefühlt schneller vergeht (…)

(…) Am Nachmittag kommt wieder Peter K. auf meine Zelle und bringt mir seine zwei Bockwürstchen vom Mittagessen, es gab wieder Eintopf. Er bringt auch einen Artikel aus der Süddeutschen Zeitung(SZ) mit: Scharf, schärfer am schärfsten – von Heribert Prantl. (…) Seine Artikel zum damaligen Fall um Sebastian Edathy waren sehr gut gewesen. An dieser Stelle kann ich mit Stand von heute 21. Mai 2017 den fleißigen Lesern meines Online-Tagebuches bereits ankündigen: Im Sommer d. J. wird in der SZ eine 8-teilige Artikelserie über den Strafvollzug in Deutschland erscheinen. Im 1. Artikel geht es um einen Protagonisten, der über seine Erfahrungen und Haftbedingungen in einer JVA berichten wird. Mehr wird an dieser Stelle noch nicht verraten…
(…) Am heutigen Sonntagmorgen verschließt der Kislauer Zugangsgefangene “Cemil” mal wieder meine Zellentür von außen. Es war ziemlich lange Zeit ruhig um Ihn geworden. Ein Beamter muss mir die Tür wieder aufschließen, damit ich raus komme. Das nervt! Wie ich an seiner Zellertür auf dem Schild lese, ist “Cemil” tatsächlich jetzt Schänzer geworden: Schulschänzer! Das ist unmöglich, zumal er schon Sanktionen/Arrest bekommen hatte. Als Schulschänzer ist er zuständig für die zwei Schulungsräume der JVA. Dort stehen eine Menge Computer. Am Montag werde ich meinen Lesern mehr darüber erzählen. Nach dem Duschen schreibe ich wieder Briefe. (…) Bei meiner Rückkehr kommt wieder Peter K. zu mir auf meine Zelle. Wir sprechen weiter über den obigen Artikel in der SZ. Am Nachmittag gehen wir diesmal zusammen zum Hofgang und das Sonnenbaden geht weiter. Ja, wir Beide hängen ziemlich oft zusammen herum. Wer hätte das gedacht, dass ich nun doch noch eine positive Knastbekanntschaft machen würde. Diese Bekanntschaft wird sich nach meiner Entlassung in Form einer Brieffreundschaft fortsetzen. Am morgigen Montag werde ich genau 90 Tage im Knast ein. Nach Adam Riese ist bei Endstrafe 180 Tage dann “Bergfest”. (…)

Der Tag wird heute wieder warm und sonnig. Das “Bergfest” fällt aus, denn ich frage auf einem Rapportzettel wegen meiner 2/3 Strafe an. Werfe wieder mehrere Briefe in den Kasten und schlafe weiter bis 11:15 Uhr zur Ausgabe des Mittagessens. (…) Peter K. und ich gehen um 11:30 Uhr zusammen in die Katakomben zu den Schulungsräumen. Dort befinden sich zwei Räume mit je 12 Computern – ältere Modelle. Computerkurse werden angeboten, die jedoch zunächst selbst bezahlt werden müssen. Erst wenn die Kurse erfolgreich abgeschlossen wurden, wird die Kursgebühr wieder erstattet als Eigengeld. Peter K. fährt einen Computer hoch und fängt an, etwas zu suchen. Ich hatte Ihm vor einiger Zeit erzählt, dass man bei Wikipedia etwas über mich finden kann. Auf den alten Rechnern ist eine alte Version von 2007 installiert. Promt kommt auch der Schulschänzer “Cemil” vorbei und fragt, was wir da machen. Da ich keine Unterhaltung mit Ihm wünsche gehe ich gleich zurück auf meine Zelle. Peter K. aber bleibt und schaut etwas nach, wie ich am Abend erfahren werde. (…) Um 19 Uhr kommt erneut Peter K. zu mir, und ich erzähle Ihm etwas zum Wikipedia-Eintrag von “Krumme13”, denn Er hat dazu etwas am Computer im Schulungsraum gefunden: https://de.wikipedia.org/wiki/Krumme_13 Aus dem Artikel geht u.a. hervor, dass ich früher den Gefangenenhilfeverein hatte. Er sucht auch Kontakte. Ich gebe Ihm meine Postfachadresse für nach meiner Entlassung. Der Wikipedia-Eintrag soll aber in der JVA nicht bekannt werden. Genaue Einzelheiten erzähle ich aber nicht mehr und verweise darauf, dass ich Ihm in Freiheit mehr dazu erzählen bzw. schreiben werde. Dies hab ich später dann auch gemacht.

(…)

Gleich nach dem Aufschluss um 6 Uhr werfe ich wieder meine Briefe von gestern in den Kasten auf der 1. Ebene des 4. Flügels ein. Dort hängt auch ein “Schwarzes Brett” mit vielen Infos für die Gefangenen. Ich vermisse die aktuelle Preisliste für Frischobst, denn beim Einkauf müssen diese in das Bestellformular eingetragen werden. Gehe zum Dienstzimmer und erzähle dem Beamten davon. Zurück auf meiner Zelle schlafe ich weiter bis 11:15 Uhr zur Ausgabe des Mittagessens. Frage den Gefangenen auf Zelle 4310, ob es möglich ist, dass ich mein inzwischen angesammeltes Eigengeld an meinen Koordinator “Frank Z.” zurück überweisen kann, damit dieser das SG1 erneut überweisen kann. Denn ich kann vom Eigengeld nichts einkaufen. Mehrere Freunde draußen hatten dieses Eigengeld schon als SG1 gespendet und überwiesen, aber mehrfach zu viel Geld im Monat, so dass dieses automatisch zum Eigengeld wurde. Nun können meine Freunde draußen natürlich nicht andauert SG1 überweisen, was ich dann nicht für den Einkauf verwenden kann. Diese JVA-Regelung muss an dieser Stelle stark kritisiert werden. Wenn SG1 überwiesen wird, dann muss der Überschuss zu 62,50 Euro für den nächsten Monat SG1 angerechnet werden, so dass dafür dann eingekauft werden kann. Ich stelle einen solchen Antrag auf einem Rapportzettel. Aus obigen Gründen herrscht ständige Geldknappheit beim Einkauf. Das wissen natürlich alle Gefangene, zumal dann, wenn man wie ich keine Arbeit und damit kein Hausgeld zum Einkauf hat. Ein Gefangener ist scharf auf meine Silberkette, die ich um den Hals trage. Die gleiche Kette trage ich auch am linken Arm. Er schlägt mir einen Tausch für Tabak etc… beim nächsten Einkauf vor. Später werde ich darauf eingehen – müssen. (…) Am Nachmittag gehe ich wieder mit Peter K. zum Hofgang, und wir legen uns in die Sonne. Um 16:30 Uhr kommt ein Beamter auf meine Zelle und eröffnet mir, dass bereits die JVA Kislau 2/3 Strafe abgelehnt hat. Die Begründung dieser Ablehnung liegt mir jedoch nicht vor. Eine solche Ablehnung muss nicht zwangsweise bedeuten, dass auch die Strafvollstreckungskammer(StVollK) eine vorzeitige Entlassung nach 2/3 Strafe ablehnen muss. Die Entscheidung darüber trifft allein die StVollK bei Berücksichtigung aller Faktoren. Später mehr dazu…. !

Heute wird es wieder ein sehr warmer und sonniger Tag werden. Wie man beim Schreiben dieses Online-Tagebuches weiß, wird der Sommer 2016 der heißeste Sommer seid der Wetteraufzeichnung sein. Da hab ich wirklich großes Pech gehabt. Gleich nach dem Duschen um 6 Uhr hole ich mir neue Formulare/Kapportzettel für weitere Anträge. (…) Zurück auf meiner Zelle schreibe ich einen Antrag wegen der abgelehnten 2/3 Strafe und bitte um Aushändigung einer Kopie der Begründung. Ich muss noch vor dem kommenden Termin der persönlichen Anhörung bei der StVollK wissen, warum 2/3 abgelehnt wurde, um meine Stellungnahme dazu einreichen zu können. Ein weitere Antrag wegen der angebotenen Arbeit als Schänzer in der Schreinerei wird von mir abgegeben. Um 10 Uhr ist wieder Haftraumkontrolle. Am Nachmittag gehen Peter K. und ich wieder zum Hofgang und legen uns in die Sonne. (…)

 

Mein Koordinator “Frank Z.” hat mir wieder einen Brief geschrieben. Darin teilt er mit, dass “Martin J.” das restliche SG1 für diesen Monat überwiesen hat. Fülle meinen Bestellzettel von 28,98 Euro aus und gebe diesen im Dienstzimmer ab. Dieser Einkauf wird drei Wochen ausreichen müssen, denn der nächste Einkauf ist erst am 13. September 2017. Dieser Betrag ist ziemlich wenig. Um 11:15 Uhr eröffnet mir ein Beamter, dass eine Rücküberweisung von Eigengeld an “Frank Z.” nicht möglich ist. (…)

(…)Ein Beamter eröffnet mir, dass eine Aushändigung der Stellungnahme wegen 2/3 Strafe von Kislau in Kopie nicht möglich ist. Ich soll mich an meinen Rechtsanwalt wenden, der dann eine Kopie anfordern kann. Mein Anwalt Graßmann hat jedoch auf meine zwei Briefe nicht reagiert. Er wird auch nicht mehr antworten, aus welchen Gründen auch immer. Man könnte auch sagen, dass ER mich im Knast im Stich gelassen hat. Damit habe ich die Zusammenarbeit mit Rechtsanwalt Leonard Graßmann, der mich im Strafverfahren über viele Jahre beraten und verteidigt hat, beendet. (…) “Ein Sonntag im Bett” in einer Zelle sieht anders aus als “Ein Sonntag im Bett” in Freiheit. (…) Oft stehe ich vor meinem Schrankregal und schaue mir an, wie mein Einkauf immer weniger und weniger wird. Und meine Rationen immer dürftiger. Es ist ein Trauerspiel. Im TV läuft gefühlt immer der gleiche Mist. Für die nächsten 10 Jahre habe ich im Knast schon mal vorgeschlafen…
(…) Beim Aufschluss schlafe ich weiter. (…) eim Mittagsaufschluss kommt wieder “Peter K.” kurz auf meine Zelle, und ich gehe kurz zum Gefangenen Zelle 4310. (…) Denn am morgigen Dienstag íst wieder Einkauf – und zwar für diesmal drei Wochen bis zum 13. September. Damit steht schon jetzt fest, dass ich die letzte Woche nichts mehr auf meiner Zelle haben werde. Noch nicht einmal ein Bonbon zum Lutschen. “Peter K.” kaut immer an seinen Fingernägeln herum bis das Blut kommt. Ich hoffe, dass es bei mir nicht so weit kommen wird (…)

 

Heute wird es sehr heiß werden. Die Hitze staut sich in der Zelle. Beim Aufschluss bleibe ich wieder im Bett liegen und schaue bis Mittag TV. Vier Briefe erreichen mich, warum ich gleich wieder antworten kann. Peter K. bringt mit etwas Schreibpapier und die Tageszeitungen zum Lesen. Auch hole ich meine Bücher ab. Gegen Mittag ist wieder Einkauf. Alles läuft gut. Diesmal dauert es bis zum nächsten Einkauf anstatt 2 Wochen nun 3 Wochen bis zum 13. September 2016. Die letzte Woche werde ich also nix mehr haben. Das steht jetzt schon fest. Am Abend bringt mir Peter K. noch zwei Zwiebeln. Ja, Zwiebeln. Im Knast zählt alles. (…) Nach dem Aufschluss schlafe ich weiter und besuche bei der Mittagessen-Ausgabe den Gefangenen auf Zelle 4310. Er schenkt mir einige Reiszwecken zum Befestigen von einem Foto an meiner Pinnwand. (…) Seine Haftzeit liegt bei 12 Jahren mit anschließender SV. Davon hat ER erst 6 Jahre rum. Über sein Delikt haben wir noch nicht gésprochen. Ich werde danach auch nicht fragen. (…) Die Hitzewelle hält weiter an. Schlafe, schlafen und nochmals schlafen ist angesagt. Peter K. bringt mir wieder die SZ und die FAZ auf meine Zelle. Briefeschreiben an Freunde Draußen. (…) Heute ist der 100. Tag von 180 Tagen. Es kommt mir gefühlt wie eine Ewigkeit vor. Das liegt natürlich an der Langenweile, weil man nicht weiß, was man den ganzen Tag machen soll (…) Nur zwei soziale Kontakte zu Mitgefangenen ist auch ziemlich wenig. Der Gesprächsstoff geht langsam aus. Es geht fast alles nur um Knast. (…) Nur meine vielen Briefe helfen mir, die Zeit totzuschlagen. (…) Meine Tagebuch füllt sich immer mehr. Mein Online-Tagebuch hat noch 80 Tage vor sich.

Der heutige Tag wird wieder unerträglich heiß auf der Zelle werden. “Draußen” sind über 35 Grad angesagt. Im Haftraum staut sich die Hitze, weil es keinen Durchzug geben kann. Durch das kleine obige Fenster unter der Decke dringt die Sonne ein. Hänge zwar mein großes Badetuch davor, aber das nutzt nicht wirklich. Bei einer Hitze von über 30 Grad spielt mein Kreislauf & Bluthochdruck nicht mehr mit. In meiner Wohnung zuhause läuft dann immer ein Klimagerät. Hier habe ich noch nicht einmal einen Ventilator. (…) Gegen Mittag eröffnet mir ein Beamter, dass ich für den Rest meiner Haftzeit keine Arbeit mehr erhalten werde. Die Resthaftzeit ist zu kurz und es ist keine Stelle mehr frei. Ich werde also tagsüber keine Abwechslung mehr haben. Und damit natürlich auch kein Hausgeld für einen Einkauf. Bin also auf das Sondergeld1 in Höhe von 62,50 Euro im Monat von meinen Freunden “draußen” angewesen. An dieser Stelle nochmals meinen herzlichen Dank an die Unterstützer. (…) Im Anschluss schreibe ich das 1. Mal dem Polizeirevier in Bad Schönborn wegen meiner Strafanzeigen, damit die Verjährungsfrist unterbrochen wird. Eine Begründung kann ich auch deshalb erst nach meiner Entlassung an die Polizei senden, weil ich hier sonst mit Schikanen rechnen muss. Die Ermittlungen können erst in Freiheit beginnen. Diese Zurückhaltung kostet mir eine ganze Menge an Nerven. (…) Zum Abendbrot gibt es wieder eine ungenießbare Dose mit vegitarischer Wurst. Diese Dose will auch niemand zum Tauschen haben, denn niemand kann diesen Doseninhalt wirklich essen. Wer keinen alternativen Einkauf hat, muss hungern. Und sich im wahrsten Sinne des Wortes mit “trockenem Brot” zufrieden geben. Am Abend schreibe ich noch meinen 1. Brief an einen bekannten Gleichgesinnten in einer anderen JVA. Ein Boylover-Aktivist in der Schweiz hatte mir seine Adresse geschrieben. (…)

Mit dem Gefangenen auf Zelle 4310 unterhalte ich mich kurz. Nach der Ausgabe des Mittagessens um 10:30 Uhr schreiben ich einen Brief an Beat Meier im Knast in der Schweiz. Der Boylover Beat dürfte der bekannteste Pädophile in diesem Land sein. (…) Wenn ich bedenke, das Beat seit 23 Jahren eingesperrt ist, dann frage ich mich, wie man DAS aushalten kann. Beat wird mir auch in die JVA Bruchsal antworten. Nach meiner Entlassung wird dieser Briefkontakt fortgesetzt….Um 14 Uhr hole ich mir wieder die Süddeutsche Zeitung(SZ) vom Dienstzimmer zum Lesen. Während meiner Knastzeit wußte ich natürlich noch nicht, dass die SZ nach meiner Entlassung noch eine ganz besondere Rolle spielen wird. Ein freier Journalist der SZ hat in den letzten Wochen mein Online-Tagebuch gelesen und es wird in absehbarer Zeit ein Artikel dazu erscheinen. Mehr wird im Moment noch nicht verraten. Meine Knastzeit habe ich bekanntlich auch für journalistischen Recherchezwecke genutzt. In der SZ wird eine 8-teilige Artikelserie über den Strafvollzug in Deutschland publiziert werden. Der 1. Protagonist werde ich sein. Dazu wird bei K13online natürlich ein News veröffentlicht werden. Man darf gespannt sein…

(…)Der Gefangene auf Zelle 4310 ist scharf auf meine silberne Halskette. Er bietet dafür 6 Päckchen Tabak = rund 30,00 Euro. Darüber müssen wir aber noch verhandeln. Wer hat die größere Nachfrage, danach richtet sich der Preis. Er müsste dann beim nächsten Einkauf am 13. September für mich 6 Päckchen Tabak einkaufen. Er bekommt seine Rente in den Knast überwiesen und kann dafür mit einem Anteil von 3/7 einkaufen. Renten zählen also wie Arbeitlohn. Wichtig, zu wissen. Nun steht aber noch nicht verbindlich fest, ob ich 2/3 Strafe bekomme. Wenn ja, dann würde ich vorzeitig am 17. September entlassen werden. Damit würde es zu diesem Tauschgeschäft also nicht mehr kommen müssen – aus meiner Sicht. Da jedoch 2/3 abgelehnt werden wird, wird es zu diesem Tausch später kommen. Dazu später mehr…(…) Auch Obst ist im Knast Mangelware. Wirklich genissbar sind eigentlich nur die Äpfel und Bananen. Mehrmals hatte ich einen Beutel Äpfel eingekauft. Ebenso einen Beutel Tomaten, die es zum Abendessen fast nie gegeben hat. Dabei zählen Tomaten “draußen” zu meinen Lieblingsspeisen. (…)

 

die kompletten Texte auf K13-Online findet man hier:

 

Tagebuch einer Gefangenschaft: 82. + 83. Tag

Tagebuch einer Gefangenschaft: 84. Tag

Tagebuch einer Gefangenschaft: 85. – 87. Tag

Tagebuch einer Gefangenschaft: 88. + 89. Tag

Tagebuch einer Gefangenschaft. 90. Tag

Tagebuch einer Gefangenschaft: 91. + 92. Tag

Tagebuch einer Gefangenschaft: 93. Tag

Tagebuch einer Gefangenschaft: 94. – 97. Tag

Tagebuch einer Gefangenschaft: 98. – 100. Tag

Tagebuch einer Gefangenschaft: 101. + 102. Tag

 

Siehe auf dieser Seite auch die vorangegangenen Teile dieser Artikelreihe:

 

Pforzheimer Schauprozess – Aus dem Tagebuch eines politischen Gefangenen in der BRD (VI)

 

Pforzheimer Schauprozess – Aus dem Tagebuch eines politischen Gefangenen in der BRD (V)

Pforzheimer Schauprozess – Aus dem Tagebuch eines politischen Gefangenen in der BRD (IV)

Pforzheimer Schauprozess – Aus dem Tagebuch eines politischen Gefangenen in der BRD (III)

Winterpause beendet – Pforzheimer Schauprozess – Aus dem Tagebuch eines politischen Gefangenen in der BRD (II)

Pforzheimer Schauprozess – Aus dem Tagebuch eines politischen Gefangenen in der BRD (I)

 

sowie zur Vorgeschichte:

 

Hexenprozess in Delmenhorst – Eine Abschiedsrede und Pforzheimer Schauprozess – Vorzeitige Haftentlassung abgelehnt.

 

Pforzheimer Schauprozess – aktueller Nachtrag – wenn die Justiz erstarrt.

Pforzheimer Schauprozess – Ein Ende mit Schrecken

LG Karlsruhe – “Eine Verkettung unglücklicher Umstände”?

Schauprozess in Pforzheim geht am 21.11.2012 in die zweite Runde

Pforzheimer Schauprozess – Ein Zwischenbericht

Pforzheimer Schauprozess Verurteilung und Teilfreispruch – Revision vor dem Oberlandesgericht

Pforzheimer Schauprozess, eine unendliche Geschichte – jetzt Verfassungsbeschwerde

Pforzheimer Schauprozess: Ergänzung zur Verfassungsbeschwerde und Propaganda für Grundrechteabbau im Staatsfernsehen

Pforzheimer Schauprozess Verfassungsbeschwerde nicht zur Entscheidung angenommen

Pforzheimer Schauprozess : Was lange währt wird…

 

 

 

 

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