Pforzheimer Schauprozess – Aus dem Tagebuch eines politischen Gefangenen in der BRD (III)

[ Autor von diesem Artikel: Leonard Forneus ] [ Verfasst am 14 Februar 2017 ]

Hier nun eine weitere Fortsetzung mit Auszügen des Tagebuchs des politischen Gefangenen Dieter G. (K13-Online). Das vollständigeTagebuch kann auf der K13-Webseite nachgelesen werden. Die entsprechenden Verlinkungen einschließlich der frühreren Beiträge dieser Artikelreihe finden sich hier am Ende des Artikels.

Zur Erinnerung:

Wie in früheren Beiträgen hier zum menschenrechtswidrigen Ausgang des Pforzheimer Schauprozesses gegen Dieter G./K13-online berichtet musste Dieter G. als Justizopfer sechs Monate als politscher Gefangener hinter Gittern verbringen. Wie hier in den unten aufgeführten Verlinkungen ausführlich dargestellt ging es ursprünglich um einen Link auf eine Diskussionsplattform zu den damaligen Plänen einer Einrichtung von Internetsperren im Kontext der als Kinder- und Jugendpornographie diffamierten Darstellungen sexueller Selbstbestimmung, die sich angeblich im Netz befinden.

Diese nicht mehr existierende Internsetseite namens “Schutzalterblog” verlinkte wiederum auf eine von Wikileaks veröffentlichte so genannte “Dänische Sperrliste”. Dies Liste sollte offenlegen, dass hier keineswegs um “Kinderpornographie” ging sondern um eine der Staatsmacht äußerst willkomene Zensurwillkür. Als einzige Person bekam Dieter G. eine Wonhungsschändung (Hausdurchsuchung), die in ein sieben Jahre andauernden rechtswidrigen Strafverfahren mündete. Letztinstanzlich erfolgte eine Verurteilung zu sechs Monaten Freiheitisstrafe ohne Bewährung aufgrund von Zufallsfunden, die sich das Gericht als Kinder– und Jugendpornographiezurechtbog. Die Zeit hinter Gittern insgesamt vom 18.05.2016 bis zum 16.11.2016 hat Dieter G. jetzt in Form eines Tagebuches aufgearbeitet und diese Berichte werden jetzt nach und nach chronologisch auf K13-Online veröffentlicht. Nachfolgend hier nun die Auszüge aus dem dritten Teil:

 

 

Tagebuch einer Gefangenschaft (Auszüge):  in der JVA Bruchsal – Außenstelle Kislau – im angeblich “offenen Vollzug” – 20. – 38. Tag

 

 

Am Morgen gebe ich Messel drei verschlossene Brief mit, die ER für mich in den Briefkasten im Schlossbau einwirft. In der Werkstatt U5 bekommen wir eine neue Lieferung von der Firma “Tinti” mit anderen Artikeln zum Verpacken. Bei der Frühstücksausgabe nennt mich der Gefangene schon wieder “Kifi” und läßt seine Abneigung gegen meine Person an wenig Brot & Wurst aus. Nochmals ignoriere ich seine Beleidigung. Nehme mir aber vor, beim nächsten Mal zu reagieren.

Vom gestrigen Suizid eines Gefangenen, der in U5 gearbeitet hat, wird unter den anderen jetzt nur noch sechs Gefangenen kein Wort gesprochen. Die Bediensteten hüllen sich erst Recht in Schweigen. Das Knastleben geht einfach weiter. Offentlichtlich wird der Verstorbene aus dem Schlossbau in den dortigen Zellen nicht vermisst. Es wird bald ein neuer Gefangener kommen, der den Platz des Toten einnehmen wird. In der Pause kommt der Anstaltspfarrer kurz vorbei und sagt “Hallo”. Auch ER spricht nicht über den Suizid auf Zelle 110.

(…) Der Vertreter des Werkstattleiters sagt um 15 Uhr beim Feierabend tatsächlich: Danke für die gute Arbeitsleistung!!! Um 16 Uhr spielen auf dem Sportplatz wieder einige Gefangene Fußball. Ich schaue aus dem offenen Fenster zu. Am Abend kommt wieder Messel auf meine Zelle 301 und erzählt mir, dass der Gefangene von der Frühstücksausgabe “Ali” heißt. (…) Zum Einen kommt die Hitze von der Sonne und zum Anderen stellt mich ein Mitgefangener aus dem Schlossbau mit dem Namen “Oliver” zur Rede. Er erzählt mir, dass Er einen 15-jährigen Sohn hat. Wenn den jemand anfassen würde, den würde er totschlagen. Ich erkläre Ihm, dass ich nicht wegen “sexuellen Missbrauch” hier inhaftiert bin. Aufgrund meiner schlechten Erfahrungen aber nicht bereit bin, über dieses Thema weiter zu diskutieren. Wir wechseln das Thema. Für den toten Gefangenen ist ein neuer Gefangener gekommen, der ziemlich jung aussieht und sich auch jugendlich verhält.

(…) In einer Pause kommt der Zugangs-Gefangene & Redelsführer aus der damaligen Zelle 118 “Andi” zur Werkstatt herüber und hetzt andere Gefangene gegen mich auf. (…) Der Werkstattleiter warnt mich. Nach der Arbeit liegen die Gefangenen im Hof des Schlossbaues und sonnen sich. An diesem “Vergnügen” werde ich die gesamte Zeit in der JVA Kislau nicht teilnehmen können. Denn beim Hofgang der Arbeiter sind keine JVA-Beamten anwesend. Damit wäre ich nicht vor Angriffen geschützt.

Bei der Frühstücksausgabe beschimpft mich der Gefangene “Ali” nicht nur, sondern zeigt mir diesmal sogar das Zeichen “Kopf ab” mit der Hand. Nun ist das Maß aber wirklich voll und sogar übergelaufen. Nach Rücksprache mit dem Gefangenen-Vorarbeiter “Alex” und dem obigen “Oliver” mache ich Meldung beim stellvertretenen Werkstattleiter. Das Gespräch verläuft aus meiner Sicht gut. Erst in Freiheit werde ich erfahren, das diese Meldung überhaupt nicht aktenkundig gemacht wurde. Es wurde aber sofort reagiert und dieser “Ali” wurde umgehend von der Frühstücksausgabe abgezogen. Am morgigen Donnerstag wird der Gefangene “Michael” aus unserer Werkstatt das Frühstück für uns ausgehen. Damit ist dieses Problem zu aller Zufriedenheit gelöst. Allerdings hatte dieser “Ali” zuvor áuch schon andere Gefangene beleidigt gehabt. Wohl nur deshalb haben sich die anderen Gefangenen in der Werkstatt auf meine Seite geschlagen. Im Prinzip hab ich meine Meldung auch für die anderen Gefangenen in der Werkstatt gleich mit gemacht. Mit dem “Oliver” tausche ich Briefmarken für eine Dose Loyner-Wurst. Der Briefmarkentausch funktioniert leider nicht so, wie ich mir das gedacht habe. Die Marken sind zwar Zahlungsmittel, aber man muss sehr teuer für Lebensmittel tauschen. Briefmarken werde ich fast immer genug haben, weil in jedem Brief an mich mindestens drei Marken beiliegen. Manchmal hat der Beamte für die Postausgabe sogar bis zu 10 geschickte Marken durchgehen lassen. Es gab wegen dem Postein- und Ausgang während der gesamten Zeit keinerlei Probleme. Am Nachmittag gehen alle Gefangene aus der Werkstatt zur Zahlstelle, um die Kontoauszüge abzuholen und sich das Bargeld für den kommenden Einkauf auszahlen zu lassen. (…) Ich sehe den Redelsführer “Andi” im Revierbau, wie er versucht, einem Sanitäter eine Hautflechte vorzutäuschen. Bei solchen Hautflechten besteht immer die Gefahr der Ansteckung. Das hätte zur Folge, dass ER in meine Zelle im Revierbau verlegt wird. So blöd waren die Sanitäter nun doch nicht, und er musste wieder brav in seine Zelle zurück. (…)

Ich tausche mit dem Gefangenen “Oliver” wieder Briefmarken für zwei Kugelschreiber. Mein Minenverbrauch ist ziemlich hoch. Der BLT fragt mich nach dem Mietvertrag für den TV aus meiner Zelle 301. Dieser liegt noch immer beim Revierleiter herum. Ich unterschreiben und bilde mir ein, dass ich damit ein Stück weiter gekommen bin, auf dieser sicheren Zelle bis Haftende bleiben zu können. Es wird sich als ein Irrtum herausstellen. (…) Schreibe wieder Briefe nach “Draußen”.(…) Ich kann im Revierbau duschen gehen so oft ich will und wann ich will. Am Nachmittag gehe ich wieder alleine zum Schlossbau und schaue ans schwarze Brett, ob ich Post bekommen habe. Nein. Natürlich wurde ich wieder von einem unbekannten Gefangenen dumm angepöbelt. In der Haustür im Revierbau liegt wieder diese Fußmatte und damit ist die Tür offen. Das gefällt mir überhaupt nicht.

Über diesen Themenkomplett hatte ich im Revierbau bisher noch kein einziges Wort verloren. Das Wissen der zwei Schänzer beschränkt sich also nur auf die Gerüchte von den Gefangenen im Schlossbau. Und DAS ist völliges Unwissen und falsch. “Messel” hatte mir geraten, dass ich jeden Vorfall sofort melden soll, damit meine Anwesenheit im Revierbau weiterhin gerechtfertig ist. (…) In den letzten Wochen habe ich zu “Messel” etwas Vertrauen aufbauen können. Ich entschließe mich (…) mich Ihm gegenüber vollständig zu outen. Ich erzähle “Messel” etwas über meine journalistische Tätigkeit auf meinen Webseiten K13online. Etwas über mein langjähriges Gerichtsverfahren seit 2009 bis zur Beschwerde beim BVerfG. Von meinen TV-Auftritten zum Pädophilie-Thema. Von den politischen Zielen hinsichtlich der §§ 176 und 184 ff StGB etc… Er hört aufmerksam zu. Er meint, ich soll mich hier nicht so verstecken. Das macht mir natürlich wieder etwas Mut. Er erzählt mir von einem Fall, wo es um Manga-Mädchen geht. Die Unterhaltung mit “Messel” verläuft sachlich und ohne ein böses Wort. Ich habe den Eindruck, dass Er mich versteht. (…) “Messel” kennt wegen seiner Schänzer-Tätigkeit fast alle Gefangene im Schlossbau. Ebenso hat er gute Kontakte zu den Beamten. Zum Schluss der Unterhaltung sage ich Ihm, dass wenn ER aus meiner Sicht Gleichgesinnte in Kislau kennen sollte, dass diese sich gerne an mich wenden können. Wenn ein Gefangener das weiß, dann ist es “Messel”. Er ist kein Plappermaul und kann brisante Dinge für sich behalten. Er weiß viele Dinge, die andere Gefangene niemals erfahren werden. In den nächsten Tage werde ich es merken, ob er mein Vertrauen verdient hat….

Heute Morgen werde ich seltenerweise von einer Beamtin geweckt. Vor dem Arbeitsbeginn gehe ich zum Duschen ins Bad. Der Gefangene “Oli” aus der Werkstatt U5 schenkt mir etwas Tabak für eine Zigarette. “Oli” wird bald noch eine besondere Rolle einnehmen. (…)Heute erhalte ich den 1. Brief von einem Gefangenen in den USA ausgehändigt. Ich hatte allen US-Gefangenen vor meinem Haftantritt mitgeteilt, dass auch ich nun für 6 Monate in den Knast muss. (…) Auch aus der Schweiz und den Niederlanden habe ich schon Briefe von Freunden erhalten. Das verschafft mir natürlich auch Aufmerksamkeit bei dem zuständigen Beamten für die Postausgabe, der gleichzeitig auch für die Besuche zuständig ist. Ich frage bei Ihm nach, was aus meinen 8 Besuchsanträgen inzwischen geworden ist. Ich soll alle Anträge nochmals stellen, weil teilweise das Geburtsdatum gefehlt hat. Muss also einige Besucher nochmals anschreiben, Sie mögen mir ihren Geburtstag mitteilen.(…)

Heute wird ein guter Tag. Um 9:30 Uhr gehe ich mit allen Gefangenen zum Einkauf. Ich kann für 30,10 Euro für die nächsten 14 Tage meinen Einkauf abholen. Es ist das Sondergeld1(SG1), welches von “Draußen” überwiesen wurde. Mir wird die Besuchserlaubnis von “Andreas” ausgehändigt, der mich am 29. Juni 2016 besuchen will. Es wird jedoch nicht dazu kommen, denn ich werde zu diesem Zeitpunkt schon in die JVA Bruchsal verlegt worden sein. Für heute wurde der Besuch von “Erwin” genehmigt, der um 12:15 Uhr im Besucher-Raum auf mich wartet. In den zwei Stunden gibt es bis 14:15 Uhr natürlich sehr viel zu erzählen. (…) Erwin” bringt mir die zulässigen zwei Päckchen Tabak mit Blättchen mit, die den Wert von 12,00 Euro nicht übersteigen dürfen. Von “Draußen” darf nichts mitgebracht werden, sondern alles muss in der JVA Kislau an Automaten gekauft werden. Der Sinn sollte klar sein. Er kauft für uns Beide im Besuchsraum Getränke und etwas Schokolade. In dem Raum stehen 5 Tische – drei für 2 Personen und zwei für 4 Personen. Man darf an einem Besuchstag nur drei Personen haben. Der Post- und Besuchsbeamte beobachtet den ganzen Raum durch eine geschwärzte Glaswand. Weil der Besuchsraum voll ist und alle viel zu erzählen haben, wird man die einzelnen Gespräch nicht mithören können. Wir Beide können uns also frei unterhalten. Der Besucher “Erwin” wurde auch nicht großartigt kontrolliert. Beim Abschied umarmen wir uns, und ich bedanke mich herzlich für seinen Besuch in der JVA Kislau…(…)

Nach dem Besuch brauche ich nicht mehr in die Werkstatt U5 gehen, sondern kann gleich in den Revierbau zurück. “Messel” kommt kurz auf meine Zelle (…) Bei dieser Gelegenheit gebe ich Ihm auch meine Visitenkarte als Journalist der K13online Redaktion. Damit hat er nun auch einen Nachweis bekommen, dass alles, was ich Ihm schon erzählt hatte, auch wirklich stimmt. Denn im Knast wird naturgemäß viel Unsinn erzählt und gelogen. Ich trage Ihm jedoch auf, die Visitenkarte nicht anderen Gefangenen zu zeigen. Ich biete Ihm an, dass ich Ihm nach meiner Entlassung Briefe schreibe, denn ER hat noch einige Jahre im Knast zu verbringen. Auch ER könnte mir natürlich Briefe schreiben. Mit Stand von heute 4. Februar 2017 ist jédoch kein Brief bei mir eingegangen. Leider ist es wohl so, dass im Knast viele Versprechungen gemacht, aber später in Freiheit nicht eingehalten werden. Ich werde und habe meine Versprächungen eingehalten und halte seit meiner Entlassung Briefkontakte zu zwei Gefangenen in der JVA Bruchsal. So ganz nebenbei erfahre ich, dass der junge Gefangene in U5 “Dennis” schwul sein soll. Von dieser “Sorte” soll es in Kislau noch mehr geben…Heute war ein guter Tag. Es war Einkauf und ich hatte meinen 1. Besuch. Mein Outing gegenüber “Messel” hat zu keinen negativen Konsequenzen geführt. Ich fasse wieder etwas Mut…
Am heutigen Morgen lege ich “Messel” wieder mehrere verschlossene Briefe auf den Flurtisch im Revierbau, damit er diese zur Arbeit in den Schlossbau mitnehmen und dort direkt in den Postausgang einwerfen kann. Ausgehende Briefe werden nicht geöffnet und auf “Messel” kann man sich verlassen. Alle Briefe werden die Empfänger erreichen. (…) Nach der Arbeit bekomme ich um 16 Uhr einen neuen Gefangenen auf meine Zelle 301. Es ist der “Oliver R.” aus der Werkstatt U5, der zuvor in einer 8-Bett Zelle im Schlossbau gelegen hat. Es hat sich natürlich herum gesprochen, dass ich in einer großen 3-Bett Zelle ganz alleine liege – und damit Privilegien genisse, die andere Gefangene nicht haben. Der “Oliver R.” hat sich einen medizinischen Grund einfallen lassen, der zu dieser Verlegung geführt hat. Er wird mir erzählen, dass er wegen einem Drogendelikt im Knast ist und wegen Drogen gesundheitliche Probleme hat. Er wollte eigentlich auf eine Einzelzelle, die es in Kislau aber nicht gibt, und war deshalb ziemlich überrascht, dass ich es bin, der auf der Zelle 301 schon ist. Natürlich weiß auch ER über die verbreiteten Gerüchte zu meiner Person Bescheid. (…) Er ist schon seit 6 Monaten im Knast und hat seine Endstrafe im September, wo ich meinen 2/3 Termin habe. Er hat wegen seiner Arbeit viel einkaufen können und das ist natürlich gut. Am Abend kommt auch wieder “Messel” auf unsere Zelle und Beide verstehen sich offenbar sehr gut. (…) Der erste gemeinsame Abend verläuft friedlich, und ich bin auch irgendwie froh darüber, dass ich die Zeit nach der Arbeit nicht mehr ganz alleine auf meiner Zelle verbringen muss. Ein Gesprächspartner hat natürlich auch seine Vorteile (…) Die erste Nacht zu Zweit habe ich sehr schlecht geschlafen. “Oliver R.” distanziert sich immer mehr von meiner Person. Wir gehen am Morgen getrennt in die Werkstatt U5. Er hat Angst vor den anderen Arbeitern in U5 und seinen früheren Zellengenossen, dass man Ihn in die gleiche Schublade steckt, in der ich mich schon befinde. (…) Der Vorarbeiter “Alex” stellt mich erneut wegen meiner Delitiksart zu Rede. “Alex” meint, er sei nun mein “Wachhund” und müsse auf mich aufpassen, dass mir nichts passiert. Da ist natürlich was dran. Ich erkläre jedoch, dass ich mich zu meiner Deliktsart nicht weiter äußern werde, weil sinn- und zwecklos. Ich möchte nur so behandelt werden, wie alle anderen Gefangenen auch. Auch das wird zunächst akzeptiert. Bei “Oliver R.” stellt sich in den Gesprächen heraus, dass er eine ausländerfeindliche Gesinnung hat. Das macht mir natürlich Sorgen. (…) “Messel” kommt wieder kurz auf unsere Zelle, und ich schenke Ihm etwas von meinem Zucker. Dann verschwindet er gleich wieder und läß mich mit diesem “Oliver R.” alleine. Am Abend schauen wir Beide TV und schlafen früh ein. (…) Das kommende Wochende wird weiteren Aufschluss darüber geben, mit welchem neuen Gefangenen “Oliver R.” ich es zu tun haben werde..

(…)Heute gibt mir der Sanitätsbeamte die Besuchserlaubnis von “Martin S. ” und “Klaus G.” bekannt. Ebenso wird mir mitgeteilt, dass das SG1 von “Andreas M.” eingetroffen ist. Beim nächsten Einkauf kann ich also wieder für diese 62,50 Euro einkaufen.

In der Werkstatt U5 ist “Oliver R.” und meine Person das Hauptthema. Alle Gefangenen bedauern, dass er nun mit einem “Kifi” auf der Zelle 301 liegen muss. Sie warten förmlich darauf, dass ich etwas falsch mache. Er könnte in Verdacht geraten, dass auch ER ein “Kifi” ist. Das könnte dazu führen, dass er sich gegen mich wendet. Er spricht auf unserer Zelle fast kein Wort mehr mit mir. Das er ein Plappermaul ist stellt sich immer mehr heraus. Er wird alles, was wir besprechen, in die Werkstatt U5 tragen. Während des Hofganges spricht er mit seinen ehemaligen Zellengenossen im Schlossbau. Ich versuche Ihm zu erklären, dass er jetzt auf einer anderen Zelle ist und mit mir auskommen muss. Auch ER genießt hier einige Privilegien, die er im Schlossbau nicht hat. Er schwankt hin und her und weiß nicht recht, was er tun soll. Am Abend schreibe ich wieder mehrere Briefe nach “Draußen”

Ein Beamter händigt mir schon nach etwas mehr als einen Monat die Erklärung zur 2/3 Strafe aus. Bei meinem Einverständnis kann die Restfreiheitsstrafe zum 16. September 2016 zur Bewährung ausgesetzt werden. Am morgigen Dienstag werde ich diese Erkärung unterschreiben und in mein Online-Tagebuch einbauen.

Heute werde ich gleich 6 Briefe von meinen Freunden “draußen” erhalten. Mit den Antworten werde ich viel sinnvolle Beschäftigung haben. Der heutige Tag wird sehr heiß werden, die Sonne macht die Arbeit in der Werkstatt fast unerträglich. Wir dürfen die Milch in den Kühlschrank der zwei Schänzer stellen. Wir überlegen, ob wir Beide uns auch einen Kühlschrank mieten sollen. Daraus wird aber nix mehr werden, denn es naht der “schwarze Freitag”.

Mit dem BDL führe ich wegen “Oliver R.” ein kurzes Gespräch. Er erklärt mir, dass mein Zellengenosse aus medizinischen Gründen im Revierbau ist. Wir Beide sollen uns vertragen. Ansonsten müsste ich wieder zurück in den Schlossbau. Das Gleiche will der BDL auch dem “Oliver R.” erzählt haben. Daran habe ich aber erhebliche Zweifel. Ich erkäre dem BDL, das ich mit der Situation keine Probleme habe, aber “Oliver R.” hat Probleme wegen meines schlechten Rufes. Er geht wieder zu seinen alten Zellengenossen und tratscht. Am Abend führe ich auch ein Gespräch mit dem Schänzer “Messel” über “Oliver R.”. Die Hitze des Tages lässt mich nur schwer einschlafen…

Heute wird es wieder unerträglich heiß werden. Ich tausche meine Privatbettwäsche in Anstaltsbettwäsche um. Man könnte meinen privaten Bettbezug ans Fenster hängen, damit die Sonne nicht so hinein scheint. Dazu wird es aber nicht mehr kommen. Der “schwarze Freitag” naht. Bei der Zahlstelle wird mir das von “Andreas M.” überwiesene SG1 in Bar für den nächsten Einkauf ausgezahlt. Nach Abzug der TV-Miete von 16,40 Euro und der Strompauschale von 1,00 Euro bleiben noch genau 45,10 Euro übrig. Meine Bestellliste gebe ich diesmal selbst und persönlich dem BDL. Denn es könnte passieren, dass meine Bestellung nicht mehr die Firma Massak erreicht. Drei SG1- Überweisungen von meinen Freunden “draußen” wurden auf meinem Eigengeldkonto gutgeschrieben, wofür ich aber nicht einkaufen kann. Oder anders gesagt, es wurde zu viel überwiesen. Man kann in einem Monat nur für 62,50 Euro einkaufen und alles was darüber hinaus geht, wird dem Eigengeldkonto gutgeschrieben. Eine solche Regelung betrachte ich als reine Schikane von Gefangenen. Denn es ist für den Überweiser schwierig, dass SG1 immer in einem bestimmten Zeitraum zu überweisen. Auch für mich ist es schwierig, dass SG1 zu organisieren. Das überschüssige Eigengeld wird mir erst
am Tage meine Entlassung ausgezahlt werden.

Am weiteren Abend wird ein 3. Gefangener auf die Zelle 301 verlegt. Es ist “Rainer B.”, der mir bereits aus der Nicht-Raucher-Zelle im Zugang bekannt ist. Dort hatte ER sich mir gegenüber neutral bis sogar positiv verhalten. Er war mir auch schon vor dem Haftantritt aus dem Internetforum “Knast-Kaffee” bekannt geworden. Im Zugang hatten wir darüber schon gesprochen. “Rainer B.” hat sehr viel zu erzählen und es sprudelt förmlich aus Ihm heraus. Das ist für Ihn außergewöhnlich, denn im Zugang hatte er fast den ganzen Tag nur Bücher gelesen und war für sich ganz alleine. Er wartet auf eine Operation(OP), die in den nächsten Tagen außerhalb der JVA in einem Krankenhaus stattfinden soll. Am heutigen Abend ist “Rainer B.” das alleinige Thema. Wir Beide kommen miteinander gut klar. Mir wird aber auch bewußt, wenn ich Ihn mit dem “Oliver R.” alleine lasse, dann wird sich dies schlagartig ändern. Die Zelle 301 ist nun mit 3 Gefangenen voll belegt. Damit droht meine Verlegung in die “Höhe des Löwen” im Schlossbau. Denn ich bin nicht aus medizinischen Gründen im Revierbau, sondern wegen der Angriffe von aggressiven Gefangenen. Der morgige Freitag wird ein “schwarzer Tag” werden….

Mit “Oliver R.” gibt es wieder Stress. Diesmal geht es um das Duschen im Bad. Er hat heute seinen 1. Besuch seit dem Er im Revierbau ist. Sein Besuch könnte im Internet nach meiner Person recherchiert haben und dann weiß Er genau über mich Bescheid. Während des Hofganges hängt er wieder bei seinen Kumpels im Schlossbau. Um 18:30 Uhr eskaliert die Situation erneut. Er wirft mir vor, dass ich auf der Toilette im “Stehen gepinkelt ” hätte und beleidigt mich auf widerwärtige Weise. Darüber könnte man sich eigentlich schief lachen. Und meinen, er hat nicht mehr alle Tassen im Schrank. Es kommt aber noch schlimmer: Draußen auf der Straße hätte er mich schon längst platt gemacht. Ich unternehme einen weiteren Anlauf, mit Ihm ein vernünftiges Gespräch zu führen. Im Anschluss vertragen wir Beide uns allerdings nur scheinbar.

 

Heute am frühen Morgen gehe ich vorahnend was geschehen wird nicht zur Arbeit in die Werkstatt U5, sondern melde mich krank. Das Wetter wird wieder sehr heiß werden. Beim Abholen meiner Medikamente gegen Bluthochdruck, Asthma und Magenbeschwerden lasse ich mir zusätzlich auch Tabletten zur Beruhigung aushändigen. Der Revierleiter teilt mir bei der Aushändigung mit, dass ich heute im Laufe des Tages in den Schlossbau verlegt werden soll. Als vermeintlichen Grund gibt er an, dass er auf der Zelle 301 immer ein Bett freihalten muss. Ich erkläre Ihm ausführlich, dass mich im Schlossbau noch immer Angriffe von agressiven Gefangenen erwarten werden. Er verweisst auf den BDL. Ich gehe umgehend zum BDL in den Schlossbau und erläutere auch Ihm die drohende Situation, wenn ich in eine Zelle im Schlossbau verlegt werde. Er will Rücksprache mit dem Revierleiter nehmen, um eine Verlegung zu vermeiden. Erneut führe ich ein Gespräch mit dem Revierleiter, und ich habe den Eindruck, dass ER die Gefahrenlage erkannt hat.

Inzwischen hat der neue Gefangene “Rainer B.” seine ganze Habe aus dem Kavaliersbau geholt und zieht auf der Zelle 301 ein. Damit ist kein weiteres Bett mehr frei. Der Mitgefangene “Oliver R.” ist bei der Arbeit U5. “Rainer B.” und ich liegen auf dem Bett und warten auf die Entscheidung, was nun geschehen soll. Um 13:30 Uhr wird mir mitgeteilt, dass ich meine Habe in zwei Körbe packen und auf die Zelle 110 in den Schlossbau verlegt werde. Die Entscheidung ist vom stellvertretenden Vollzugsleiter Herrn Naber(Sozialamtmann) gefällt worden. Das ist der Sozialarbeiter, der in seiner Stellungnahme meine vorzeitige Entlassung zum 2/3 Termin am gestrigen 23. Juni 2016 abgelehnt hat. Dies werde ich jedoch erst bei der persönlichen Anhörung bei der StVK am 8. September 2016 erfahren.

Ich unterhalte mich mit “Messel” über meine Verlegung und lasse mir meine ausgeliehene Telefonkarte von Ihm wieder zurück geben. Auf der Telefonkarte sind noch 20 Minuten Gesprächszeit für den Notfall vorhanden. Diese Zeit werde ich am kommenden Sonntagmorgen dringend benötigen. Im Anschluss gehe ich mit “Messel” zum Verwaltungsgebäude mit, um mit dem Sozialarbeiter Herrn Naber ein Gespräch zu führen, damit ER seine Entscheidung wieder rückgängig macht. “Zufällig” treffe ich Naber an der Tür des Gebäudes und erläutere Ihm die drohende Gefahrenlage, wenn ich in den Schlossbau auf die Zelle 110 verlegt werde. Wider besseren Wissens wimmelt ER mich ab und bleibt bei seiner Entscheidung. Damit überlässt er mich vorsätzlich der kommenden Knasthierarchie auf der Zelle 110 – nach dem Motto: Ich mache mir an diesem Pädophilen meine Hände nicht schmutzig, sondern überlasse dies den dortigen Gefangenen. Erst nach meiner Entlassung war es mir möglich, Dienstaufsichtsbeschwerde u.a. auch gegen diesen Herrn Naber beim Justizministerium einzulegen.

Auf dem Rückweg vom Verwaltungsgebäude in den Revierbau treffe ich meinen “Lebensretter-Beamten” aus dem Zugang. Auch Ihm erkläre ich kurz, dass ich wieder in den Schlossbau soll. Er sagt mir, dass er dagegen nichts machen kann, weil die Entscheidung schon von höherer Stelle getroffen wurde. Im Revierbau angekommen werde ich schon von zwei anderen Beamten erwartet, die mich zwangsweise mit meiner Habe in die Zelle 110 im Schlossbau bringen. Auf der 6-Bettzelle liegen bereits 5 Gefangene. Inzwischen haben wir nach 16 Uhr und der Tagesdienst ist bereits ins Wochenende gegangen. Diese Verlegung ist also absichtlich zu einer Unzeit erfolgt, wo die Entscheidungsträger alle nicht mehr im Dienst sein werden. Die große Zelle ist durch Trennwände in drei Teile aufgeteilt. In jedem Teil steht ein Etagenbett für zwei Gefangene. Sofort wo ich die Zelle betrete wechselt ein Gefangener sein Bett und zieht in einen anderen Teil um. Damit wird in einem Teil ein Bett frei – die Zelleninsassen bestimmen, dass ich in dieses Etagenbett oben zu gehen habe. Die beiden Beamten sind wieder verschwunden und überlassen mich diesem Gefangenen-Mob. Alle 5 Insassen wissen erwartungsgemäß, wer ich bin und das ich aus dem Revierbau komme. Ein Gefangener, ein Russe, arbeitet bei mir in der Werkstatt U5. Bisher gab es mit Ihm keine Problem, was sich jetzt jedoch schlagartig ändern wird. Die Zelle insgesamt ist total unrein und versaut. Der Gefangene in meinem Teil der Zelle im unteren Etagenbett nennt sich “Markus”. Ich versuche mit Ihm, ein vernünftiges Gespräch anzufangen. Sofort werde ich von Ihm bedroht und beleidigt, obwohl wir Beide uns überhaupt noch nicht kennen. Die Knasthierarchie zeigt seine widerliche Fratze. Er liest andauernd in einem Buch und wenn ER den Mund aufmacht, dann kommt nur Scheiße raus. Einen solchen Typen kann man nur als asozial und bildungsfremd bezeichnen. Mit sowas kann man kein vernünftiges Gespräch führen.

Meine Habe befindet sich nun in einem schrottreifen Spint, welcher allerdings auch mit meinem Vorhängeschloss durchaus geöffnet werden könnte. Inzwischen haben sich alle 5 Gefangenen gegen mich verbündet und verschworen. Das Mobbing findet am Abend seinen 1. Höhepunkt. Bedrohungen und Beleidigungen führen dazu, dass ich den diensthabenden Beamten des Nachtdienstes rufen muss. Der Nachtdienst beginnt um 20 Uhr, was die Gefangenen natürlich wissen. Es ist Einschlusszeit und die Türen sind verschlossen. Der Beamte verweigert eine Rückverlegung in den Revierbau. Nach einer weiteren Eskalation versucht der Beamte nach einer Alternative in einer anderen Zelle im Schlossbau zu suchen. Ich packe wieder meine Habe zusammen und warte damit auf dem Flur des linken Schlossbau-Flügels. Ich sehe den Beamten im rechten Flügel in einer anderen Zelle, wo er sich mit den dortigen Gefangenen unterhält, ob ich in dieser Zelle zumindest über das Wochenende bleiben kann. Damit weiß nun auch der ganze Schlossbau darüber Bescheid, dass ich vom Revierbau in den Schlossbau verlegt wurde. Wie nicht anders zu erwarten war wollen mich auch diese Gefangene nicht auf ihrer Zelle haben. Der Beamte kommt zu mir zurück und erklärt mir, dass ich bis zum Montag auf der Zelle 110 durchhalten soll. Erst dann könne eine weitere Entscheidung getroffen werden. Der Beamte spricht erneut mit den Zelleninsassen von 110 und diese versichern Ihm scheinheilig, mich demnächst in Ruhe lassen zu wollen. Ich packe wieder meine Habe zusammen und räume diese erneut in meinen Spint ein. Ich kann die ganze Nacht nicht schlafen. Die pure Angst steckt mir in den Knochen. Ich bin der fatalen Situation hilflos ausgeliefert. Mein Tagebuch, welches ich in den nächsten zwei Tagen im oberen Etagen-Bett schreiben muss, wird am morgigen Samstag mit einer weiteren Eskalation fortgeführt…

 

die kompletten Texte auf K13-Online findet man hier:

 

Tagebuch einer Gefangenschaft: 20. – 22. Tag

Tagebuch einer Gefangenschaft: 23. – 25. Tag

Tagebuch einer Gefangenschaft: 26. – 28. Tag

Tagebuch einer Gefangenschaft: 29. – 31. Tag

Tagebuch einer Gefangenschaft: 32. – 34. Tag

Tagebuch einer Gefangenschaft: 35. – 37. Tag

Tagebuch einer Gefangenschaft: 38. Tag

Siehe auf dieser Seite auch die vorangegangenen Teile dieser Artikelreihe:

 

Winterpause beendet – Pforzheimer Schauprozess – Aus dem Tagebuch eines politischen Gefangenen in der BRD (II)

Pforzheimer Schauprozess – Aus dem Tagebuch eines politischen Gefangenen in der BRD (I)

 

sowie zur Vorgeschichte:

 

Hexenprozess in Delmenhorst – Eine Abschiedsrede und Pforzheimer Schauprozess – Vorzeitige Haftentlassung abgelehnt.

Pforzheimer Schauprozess – aktueller Nachtrag – wenn die Justiz erstarrt.

Pforzheimer Schauprozess – Ein Ende mit Schrecken

LG Karlsruhe – “Eine Verkettung unglücklicher Umstände”?

Schauprozess in Pforzheim geht am 21.11.2012 in die zweite Runde

Pforzheimer Schauprozess – Ein Zwischenbericht

Pforzheimer Schauprozess Verurteilung und Teilfreispruch – Revision vor dem Oberlandesgericht

Pforzheimer Schauprozess, eine unendliche Geschichte – jetzt Verfassungsbeschwerde

Pforzheimer Schauprozess: Ergänzung zur Verfassungsbeschwerde und Propaganda für Grundrechteabbau im Staatsfernsehen

Pforzheimer Schauprozess Verfassungsbeschwerde nicht zur Entscheidung angenommen

Pforzheimer Schauprozess : Was lange währt wird…

 

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